SRACIC

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Zum „Manege Frei“

Ein Text von Marco Siedelmann zum Ausstellung Manege Frei in Berlin, Deutschland.

„Wir können nur noch als Clowns existieren, um zu zeigen, was in der Welt passiert. Die Wirtschaftskrisen müssen wir, wenn das überhaupt geht, auf dem Stier ausreiten.

Morgen am 15. Juli öffnet das vielseitig genutzte ehemalige Frauengefängnis The Knast in Berlin Lichterfelde seine Pforten zum ersten Mal für die Einzelausstellung eines Künstlers. Die umfassende Werkschau präsentiert ca. hundert Arbeiten des US-amerikanischen Malers Joseph Sracic, bestehend aus Ölgemälden und Zeichnungen, die einen Querschnitt aus zwanzig Jahren Arbeit zeigen. Präsentiert wird MANEGE FREI von Pride Art e.V. – ohne Zweifel ein Highlight zur diesjährigen CSD Saison. Kuratiert wird die Ausstellung von Bernd| AMERASU.ART and Marco Siedelmann. Die morgige Vernissage wird begleitet von einer Performance der Drag-Künstlerin Carina Crasher, deren Live-Darbietung im Einklang steht zum nonkonformistischen Geist der gezeigten Malerei. Helga Meister, seit Jahrzehnten Chronistin der Düsseldorfer Kunstszene, bezeichnete Joseph Sracic in der Rheinischen Post als „herausragenden Maler“, betonte wiederholt sein außerordentliches Talent und portraitierte ihn in ihrem Standardwerk „Neue Düsseldorfer Kunstszene“. Seine Arbeiten wurden in zahlreichen Gruppen- und Einzelausstellungen gezeigt, u.a. im Museum Kunstpalast Ehrenhof und beim Bergischen Kunstpreis.

Sracic wurde 1979 in Deerfield, Wisconsin (USA) geboren und lebt seit über zwanzig Jahren in Düsseldorf. Nach dem Studium der Fine Arts an der University of Wisconsin-Stout und einem Erasmus-Austausch an der Fachhochschule Hildesheim studierte er an der renommierten Kunstakademie Düsseldorf. 2007 wurde er Meisterschüler beim legendären Maler Jörg Immendorff. Nach dessen Tod setzte er sein Studium bei Peter Doig fort. Joseph Sracic steht in der Tradition der figurativen Malerei zwischen Düsseldorfer Schule und einem individuellen neotraditionalistischen Ansatz. Er verbindet den politisch-gesellschaftlichen Impetus Immendorffs und die atmosphärische Tiefe Peter Doigs mit einer eigenen Bildsprache, die sich aus Popkultur und Malereitradition zwischen den USA und Europa speist. Besonders seine großformatigen Ölgemälde sind durch präzise Figürlichkeit und ein imaginatives Storytelling geprägt.

Im historischen Zellentrakt entfaltet sich ein kraftvolles und sogartiges Panorama figurativer Malerei, welches Freiheit, Einschluss und Ausbruch auf der Tapete entrückter Seelenlandschaften thematisiert. In den Haftzellen finden wir unterschiedliche Schattierungen und charakteristische Motive von Sracics Malerei, unter anderem zahlreiche allegorische Tiermotive, die sich spiegelhaft mit der Beschaffenheit des Menschen beschäftigen, Motive von Clowns und Artisten, die schalkhaft Überlegungen anstellen zur Situation des bildenden Künstlers in unserer Zeit, sowie surreal anmutende (Alp-)Traumwelten, die uns mit ausdrucksstarker Farbdramaturgie auf eine Reise durch Himmel, Hölle, Zwischendimensionen und mythologische Parallelwelten nehmen.Die Ölgemälde nutzen spielerisch und zugleich präzise die Formsprache von Karikatur, Cartoon und traditioneller Komposition, überführen diese Elemente aber unmissverständlich in einen modernistischen Malereibegriff, der sich nicht an der Vergangenheit festklammert. Sracic bedient sich dabei immer wieder humoristischer Elemente und satirischer Blickwinkel, ohne sich aber eindeutig politisch zu positionieren oder ideologisch vor einen Karren spannen zu lassen – die Themenwahl bleibt introspektiv und persönlich, die Leichtigkeit des Witzes wird nur allzu oft unterwandert von abgründiger Groteske und einer nicht zu übersehenden Melancholie. Wir müssen uns daran erinnern, der Clown ist kein Comedian. In Joseph Sracics Gemälden erscheint der Clown folgerichtig nicht als karnevalistische Figur, sondern als zeitgenössische Inkarnation des Till Eulenspiegel – ein tricksender Schelm, der durch Narretei die Wahrheit ans Licht bringt und gesellschaftliche Konventionen entlarvt. Wie der mittelalterliche Eulenspiegel nutzt Sracics Clown die Maske der Dummheit, um die Absurdität von Machstrukturen sowohl in Politik wie auch in zwischenmenschlichen Beziehungen und im Kunstbetrieb schonungslos zu enthüllen. Gleichzeitig trägt er existenzialistische Züge und fungiert als absurder Held eines Camus’schen Universums, der die Vergeblichkeit unserer Existenz erkennt und dennoch – oder gerade deshalb? – zur permanenten Rebellion greift. In der grellen Schminke und der übersteuerten Gestik manifestiert sich die radikale Freiheit des Einzelnen angesichts einer sinnentleerten Welt. Der Clown bei Sracic lacht nicht, weil ihm die Welt gefällt, sondern weil er ihre Leere durchschaut hat und sie mit beißendem Humor erträglich macht. Ob uns nach Lachen oder Weinen zumute sein soll, das kann er uns nicht abnehmen. Durch diese doppelte Referenz wird der Clown zur zentralen Metapher der Ausstellung: Ein Gefangener der eigenen Rolle, der im ehemaligen Knast zum Symbol des Freigangs wird – ein existentieller Eulenspiegel, der die Gitterstäbe der Realität mit Pinsel und Ironie zum Tanzen bringt.

In Sracics Gemälden vereinen sich europäische Einflüsse von Otto Dix bis hin zu seinem Professor Jörg Immendorff mit einem ureigenen Kommentar zu US-amerikanischer Bild- und Kunsttradition mit starken popkulturellen Bezügen. Seine Figuren können als schmutzige, durchtriebene Nachfahren von Mark Twains Huckleberry Finn gelten und tragen ebenso Züge verlorener Antihelden im Geiste von Charles Bukowski oder Edward Hopper – tragikomische Charaktere, betrunken von der eigenen Absurdität und Verwundbarkeit. Entfremdete Gefangene des American Dream, die unter einem Zirkuszelt einem Spektakel folgen, welches P.T. Barnum nicht schillernder hätte inszenieren können. In den beengten Gängen und Zellen des Gefängnisses prallen der erschütterte Optimismus amerikanischer Pioniergedanken auf die derbe Philosophie europäischer Existenzangst. Sracic verhandelt diese Themen auf kosmopolitische Weise, die nicht vor Rückbesinnung auf eine provinzielle Herkunft zurückschreckt. Diese Bildwelten aktualisieren radikal den ikonischen Regionalismus eines Grant Wood, dessen kristalline handwerkliche Klarheit wir bei Sracic wiederfinden, dessen Figürlichkeit aber eine geradezu filmische Bewegungsdynamik zugefügt wird, die provinzielle Enge und Beschaulichkeit nicht idealisiert, sondern im postmodernen Sinn als groteskes Welttheater entlarvt. Von den Weizenfeldern Wisconsins über die Ateliers der Düsseldorfer Kunstakademie bis in die dunklen Winkel eines ehemaligen Gefängnisses in Berlin-Lichterfelde spannt Sracic eine transatlantische Odyssee, die zeigt, wie universell die Themen von Freiheit, Maske und existentieller Absurdität sind – ob im amerikanischen Heartland, im rheinischen Kunstbetrieb oder im langen Schatten deutscher Geschichte. Das zeitgenössische Individuum kennt keine Heimat mehr.

Die detailreichen und opulent komponierten Ölgemälde werden den facettenreichen Zeichnungen des Künstlers gegenübergestellt, die hier erstmals in großer Zahl öffentlich präsentiert werden. MANEGE FREI zeigt mittels einer gleichberechtigten Auswahl und Gegenüberstellung thematische und stilistische Verwandtschaft beider Medien, wie Zeichnungen und Gemälde einander bedingen und miteinander kommunizieren. Während die großformatigen Ölgemälde mit ihrer sinnlichen, pastosen Materialität und farblichen Intensität als endgültige, monumentale Statements wirken, offenbaren die Zeichnungen den rohen, unmittelbaren Denkprozess des Künstlers. Beide Medien teilen dieselbe Vorliebe für expressive Figurenzeichnung und klare Linie – die Zeichnung fungiert dabei aber keineswegs als bloße Vorstufe. Sie offenbart sich als gleichwertiges, oftmals weitaus radikaleres Ausdrucksmittel: schneller, direkter, ungeschützter. Während die Gemälde ihre volle Kraft durch dramatische Farb- und Lichtgestaltung entfalten leben die Zeichnungen hingegen von jener Intensität, die durch Aussparung und Leerstellen den Betrachter stärker zur eigenen Imagination auffordern. Innerhalb der Ausstellung bilden sie ein dialektisches Paar zwischen performativer Gestik und der privaten Skizzenhaftigkeit eines Tagebuchs. MANEGE FREI macht damit das gesamte künstlerische Denken Sracics sichtbar – ein Werk, so wild und ungezähmt, wie die Affen, Löwen und anderen Tiere, die seine Leinwände bevölkern. Sie verweisen weit über die klare Allegorie der klassischen Fabel hinaus und werden zu Protagonisten einer unbändigen Vitalität, die ausschließlich mit den Werkzeugen der Malerei eingefangen werden können. Für einen Moment erahnen wir die Möglichkeit, mit ihnen gemeinsam Grenzen zu überschreiten und Regeln zu brechen. Ein animalischer Schrei als letztes Bekenntnis zum Freigang

I am human, hear me roar.

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